Landespressedings 2007.

Veröffentlicht: 10. November 2007 in Das Leben im Allgemeinen

Man hätte meinen können, der Termin sei spontan vor wenigen Wochen gewählt worden, so plötzlich kamen die Proteste. Es sei eine skandalöse Instinktlosigkeit, zitierte die Stuttgarter Zeitung einen Pfarrer, wenn Ministerpräsident Oettinger am Jahrestag der Reichspogromnacht den Eintänzer gebe. Es dauerte nur wenige Tage und Schirmherr Oettinger, offenbar panisch angesichts einer zweiten Filbinger-Affäre, knickte ein: Aus dem Landespresseball wurde die Landespressgala ohne Tanzmusik. 950 Karten wurden daraufhin zurückgegeben, unser Kellner musste gegen 23 Uhr seine Schicht abbrechen, weil das Catering zu viele Mitarbeiter eingeplant hatte. Getanzt wurde trotzdem.

Aus der Schusslinie war Oettinger mit seiner Herabstufung des Balls nicht, denn nun drängte der Zentralrat der Juden auf die konsequente Absage der Veranstaltung, dessen Generalsekretär Kramer implizierte sogar ein System hinter dem Verhalten des MP. Die Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg freute sich zwar zunächst vorsichtig über den Schritt Oettingers, wollte dann aber doch die Streichung. Die Evangelische Landeskirche fand ebenfalls, dass zu einem solchen Tag keine Feste passten.

Insofern muss man vielleicht froh sein, dass die Gala nicht kurz vor knapp abgesagt wurde. Das „Tanzverbot“ war gestern Abend entsprechend natürlich das Top-Thema unter den Gästen. Und auch, wenn die Stuttgarter Zeitung heute in der Nachberichterstattung einige Politiker mit Verständnis zitiert (sie müssen schaudern bei dem Gedanken, sich selbst in einem solchen Fettnäpfchen wiederzufinden), konnte man sprechen, mit wem man wollte: Verständnis war doch eher rar gesät. Ich persönlich fand die Diskussion zwar nicht völlig unberechtigt, aber deutlich überzogen und die Konsequenz geradezu lächerlich. Mein Geschichtsbewusstsein hängt nicht davon ab, ob ich einen schönen Abend verbringe, zumal die Veranstaltung charitativen Charakter hatte – und nach knapp 70 Jahren muss auch mal Schluss sein mit der beständigen Forderung nach Schuldeingeständnissen. Abgesehen davon gibt es auch eine positive Deutung des Datums, schließlich fiel am 09. November die Mauer (obwohl 21 Prozent der Deutschen das gerne rückgängig machen würden.)

Es war jedoch keineswegs so, dass man irgendjemandem gestern das Tanzen hätte verbieten können. Als gegen 21:30 das Gesangsduo Marshall & Alexander auftrat, war plötzlich die gesamte übrig gebliebene Tanzfläche voll von wippenden, swingenden, verschwörerisch grinsenden Menschen („Vorsicht, nicht zu viel schunkeln, sonst ist’s Tanzen!“). Das Ehepaar Oettinger (das ohnehin nicht sehr glücklich wirkte wie an diesem Abend, aber das hat wohl andere Gründe) verließ daraufhin demonstrativ den Saal und ging ausgiebig für kleine Ministerpräsidenten. Bis sie zurückkamen, waren Marshall & Alexander zu etwas schwungvollen Stücken übergegangen und es juckte sichtlich allen auf der Tanzfläche in den Füßen. Ich glaube, das hat einen wesentlichen Teil des Erfolgs der beiden Sänger an dem Abend ausgemacht: Nachdem die SWR Big Band vorher die untanzbarsten Stücke ausgepackt hatte, war dieser Auftritt die einzige Chance auf ein bisschen Bewegung – entsprechend wurden die beiden mit nachdrücklichen Zugabe-Rufen gefeiert.

Um Mitternacht war das Theater dann sowieso vorbei. Der 09. November war offiziell gestern, es wurde nach Herzenslust getanzt und wenn man sich nun überlegt, welchen Unterschied diese eine Sekunde macht, wird die Umbenennung von „Ball“ zu „Gala“ um so unverständlicher. In wenigen Tagen wird der Termin fürs nächste Jahr auf der Website veröffentlicht. Der Regel folgend dürfte das Datum 2008 auf den 08. November fallen. Das wäre dann die Nacht, in der die Ausschreitungen 1938 unter der zivilen Bevölkerung begannen. Ich bin sehr gespannt, ob es bei dem Termin bleibt – und ob es den wie auch immer Betroffenen auch dann wieder kurz vor knapp einfällt, dass es so ja wohl nicht geht.

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