Tschüß, Omi.

Veröffentlicht: 23. November 2007 in Family & Friends
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Gestern war es also soweit. Endlich, muss ich eigentlich sagen, denn wir haben lange darauf gewartet, Du am allermeisten. Schwer, etwas zu entgegnen, wenn das Gegenüber nur noch sagt, dass es bitte endlich sterben will. Vor drei Wochen, als ich Dich das letzte Mal sah, hast Du gar nichts mehr gesagt. Stattdessen warst Du die Bitte in Person, ein ergreifendes Bild eines letzten, lang gehegten Wunsches.


Zu sagen, dass ich Dich vermissen werde, wäre eine fromme Lüge. Dazu haben wir uns in den vergangenen Jahren zu wenig gesehen, wir haben zu wenig gesprochen und hatten zu viele Differenzen. Mir fehlte sicherlich viel an Verständnis und Reife, keine Frage. Aber als ich gestern Abend über Deinen Tod nachdachte, fielen mir aus den ganz frühen Zeiten viele Dinge wieder ein, die in meinem Leben einfach mit Dir verknüpft sind, so trivial sie auch sein mögen. Mecki zum Beispiel, den kennt hier sonst niemand. Dazu bekamen wir immer, wenn Du da warst, die kleinen Schokotoffees, deren Banderole man so wunderbar abknibbeln konnte. Apfelschmaus, Esszett-Schnitten und Goldsaft gab’s nur in Verbindung mit Dir. Du hast mich in jahrelanger Mühe und schlussendlich erfolgreich auf den Geschmack von Rotkohl gebracht, bei Wirsing war’s leicht und Deine Apfelpfannkuchen waren sowieso der Renner. Du hast mir Räuberrommée beigebracht (und wie man so offensichtlich schummelt – Du sagtest: futeln – dass man als Mitspieler grinsend darüber hinwegsehen musste). Ein Kaffee ohne Cognac war einfach keiner. Für Dich habe ich meinen ersten Zwetschgenkuchen gebacken. Er schmeckte wie Brot mit Pflaumen drauf, aber Du hast ihn tapfer gelobt. Obwohl wir allerseltenst über Deinen Beruf gesprochen haben, habe ich den gleichen gewählt. Und obwohl Du nie, nie, nie zugegeben hättest, dass Du O-Beine hast, hab ich meine wohl von Dir.

Viele Erinnerungen, merke ich gerade, sind mit Essbarem verknüpft. Kein Wunder, Du warst ja eine fantastische Köchin. Dein Leben lang hast Du selbst in entbehrungsreichsten Zeiten alle um Dich herum versorgt und ich mag mir nicht vorstellen, wie viele Emotionen vor lauter Pflicht auf der Strecke geblieben sind. Der Diktatur im Zweiten Weltkrieg hast Du im Rahmen Deiner Möglichkeiten getrotzt (am Ende habe ich vielleicht auch meinen Dickkopf und meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn von Dir). Du hast viel zu früh den Mann verloren. Warst Du jemals wieder verliebt, heimlich, ein kleines bisschen? Ich glaube nicht. Das bloße Leben war alles, was Du hattest. Dass es auch noch über 90 Jahre andauern musste, von denen Du Dich viele (und nicht nur die letzten) gequält hast, entbehrt nicht einer gewissen Tragik.

Für alles, was Du warst, was Du ertragen und was Du getan hast, gebührt Dir der höchste Respekt. Verbunden mit dem aufrichtigen Wunsch, dass es Dir jetzt gut geht und dass es nach dem Tod irgendetwas gibt, wofür zu leben sich gelohnt hat.

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Gerda Lieschen K.
*05. Juni 1916
†22. November 2007

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