Im Besen gewesen.

Veröffentlicht: 29. November 2008 in Das Leben im Allgemeinen
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Das Konzept einer Besenwirtschaft ist ja nicht allen vertraut: Kleine, urige Gaststube, chronisch überfüllt, maximal vier Monate im Jahr geöffnet. Dazu werden dann extra die Stube und das Schlafzimmer ausgeräumt, und draußen kennzeichnet ein Besen die vorübergehende Lokalität. Alle weiblichen Familienmitglieder stehen in der Küche, rühren stundenlang im Sauerkraut und schmieren Schmalzbrote. Die Männer tischen auf, was der hauseigene Weinberg hergibt und bezaubern ihre Gäste mit einem teilweise sehr eigenen Charme. Kurz: Wenn man genügend Wein trinkt und gelegentlich das Knie des Kellners im Rücken vertragen kann, eine durchaus unterhaltsame Angelegenheit.

Gestern war ich zur Weihnachtsfeier in ein besonderes Exemplar eingeladen: Die Besenwirtschaft Krug in Stuttgart-Feuerbach nennt sich nämlich „Kulturbesen“. Platz gibt’s dort – gedrängt – für etwa 70 Leute, bei erhöhtem Kuschelfaktor passten aber sicherlich 20 mehr auf die Bierbänke. Oder heißen die dort Weinbänke, weil ja kein Bier ausgeschenkt werden darf? Wie auch immer, in der Mitte muss immer ein kleines Plätzchen frei bleiben, damit der Kulturbesen seinem Namen alle Ehre machen kann: Hier spielen, singen und/oder schwäbeln jeden Abend Kleinkünstler, zum Beispiel die kabarettistische Vokalshow Frechzellenkur („skurril-witzige Texte pro Lachfalten und Problemzonen“), die spitzzüngige Zuckerschnute Tina Häussermann („mit Vollgas ohne Bremse“) oder das Musikkabarett Schwarze Grütze („NIVEAUWONIENNIVEAUWAR“). Auf der Website heißt es dazu:

Hier haben Karrieren angefangen und wurden andere zurechtgestutzt. Denn die Bühne (…) ist so dicht beim Publikum, dass Kontakt und genaues Hinschauen nicht ausbleibt. Wer hier seine neue Zaubernummer ausprobiert, weiß nach zwei Minuten, ob der Trick gelungen ist. Kein Wunder, dass viele renommierte Künstler immer wieder gern an den Ursprung ihrer Karriere zurückkehren, auch um zum Beispiel Teile einer neuer Solonummer auszuprobieren. Hier spielt man inmitten des Publikums, kann nichts verbergen. Wer und was nicht gut ist, geht hier sofort unter. Das Gute aber wird sofort durch das Mitgehen des Publikums veredelt.

Der Chor der Mönche zumindest hat gestern ordentlich gerockt: Vier durchaus weltliche Sänger mit bekannten Melodien, unerwarteten Texten und einer absolut hinreißenden Mimik und Gestik. Es war die reine Freude, den Vieren zuzuschauen und zuzuhören, ich hab mich herrlich amüsiert. Falls Ihr im Süden der Republik lebt, unbedingt anschauen. Und wenn alle Künstler im Kulturbesen so gut sind, sollte man die jeweils zwei Monate pro Saison direkt durchbuchen. Man muss dazu allerdings schnell sein: Die Plätze, habe ich mir sagen lassen, sind innerhalb von zwei Wochen restlos ausverkauft.

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