Knastgeschichten.

Veröffentlicht: 29. November 2008 in Das Leben im Allgemeinen
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Wenn man in der Nähe des nahezu legendären Stammheimer Gefängisses arbeitet, passieren einem ja immer mal wieder bemerkenswerte Dinge. Gestern zum Beispiel.

Es klopfte an der Scheibe, als ich mit meinem Autochen („Zuckerschnecke“) an der Ampel stand. Eine junge Serbin, 23 Jahre alt, mit dem großen Heulen in der Stimme bat mich, sie zum Bahnhof mitzunehmen, weil sie sonst ihren Zug nicht bekäme. Drama, Baby. Sie hatte aber Glück, da musste ich sowieso vorbei (und die gute Tat des Tages war noch nicht vollbracht). Knapp wurde es trotzdem: Wir hatten bis zur Abfahrt noch etwa 14 Minuten, bis zum Bahnhof waren’s aber rund 20. Egal, die Schnecke und ich gaben alles, nahmen dunkelgelbe Ampeln mit und schummelten uns zweispurig an allen anderen Autos vorbei.

Auf der Fahrt stellt sich erst mal heraus: Das junge Ding war nicht kurz vor dem Heulen, die spricht immer so. Sie kam gerade von einem Gefängnisbesuch bei ihrem Cousin. Er hatte eines Tages unangemeldet vor ihrer Haustür gestanden und sich bei ihr eingenistet, um sein Glück in Deutschland zu versuchen. Konkret bedeutete das: Innerhalb von sechs Wochen hatte man ihn mit 200 Gramm Haschisch erwischt. Und dafür sieben Monate Haft? In Stammheim? Naja, wand sich das Mädchen, er habe wohl auch noch eine Firma überfallen. Und seine schwangere Freundin geschlagen, aber nur so zwei- oder dreimal. Ob ich glaube, dass er abgeschoben werden würde?

Vielleicht wären noch mehr spannende Details ans Licht gekommen, aber zu dem Zeitpunkt waren wir am Bahnhof angekommen – leider ein paar Minuten zu spät. War allerdings auch nicht schlimm, wie das Mädchen beim Aussteigen einräumte: Sie hatte keine Zugbindung, sondern ein Tagesticket, und der nächste Zug ging schon eine knappe halbe Stunde später.

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Kommentare
  1. Grünste sagt:

    Schätzchen… die hätte Dich kalt machen können.

  2. miss k. sagt:

    Nee, Du hättest sie erleben müssen, war völlig harmlos. Neben ihrem Cousin war das zweite zentrale Problem, wie sie den Typen wiederfindet, dem sie in der Nacht zuvor leider nur erlaubt hat, sie auf die Wange zu küssen. Abgesehen davon war sie von den Taten ihres Cousins nicht gerade begeistert und hat ihn schon jetzt aus ihrer Wohnung geworfen (für den Tag, an dem er aus dem Knast kommt).

  3. Nette Geschichte…

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Stress und Mühe viele Angehörige regelmäßig auf sich nehmen, um ihre Liebsten hinter Gittern zu besuchen.

    Darüber schreibe ich demnächst sicherlich mal einen Beitrag im Blog.

    Vollzugsteilnehmer

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