Lehmann & Petersen.

Veröffentlicht: 17. Dezember 2008 in Family & Friends
Schlagwörter:, , , ,

Es war die coolste WG, die ich je erlebt habe: Lehmann & Petersen, Berlin 1997. Ich war damals im zweiten Semester, hatte ein Praktikum beim Berliner Kurier klargemacht und wurde eines schönen Sonntags also in der Hauptstadt angespült. Zunächst landete ich bei Anna, einer Freundin meines Vaters. Sie kann zwar nicht mit Dauergästen für sechs Wochen, hatte aber versprochen, sich etwas einfallen zu lassen. Zunächst wollte sie mich bei ihrem Drüberbewohner einquartieren, dem Autoren Thomas Brussig. Brussig war allerdings damals gerade im Stress irgendwo zwischen Helden wie wir und Sonnenallee und brauchte seine Ruhe. Bei der nächsten Anlaufstelle, einem ihrer Freund in der Mommsenstraße, spielte der Mitbewohner nicht mit. Da fiel ihr die rettende Lösung ein: Ihr Cousin und sein Bauingenieur-Studienkollege, gemeinsam Lehmann & Petersen. Abends zog ich ein. Verkündete noch schnell meinen unmittelbar bevorstehenden Geburtstag und fand am nächsten Morgen in der Küche: Einen halben Marmorkuchen mit Kerze, eine liebevoll geschenkverpackte Tafel Kinderschokolade und eine Geburtstagskarte, mit der ich zu einem „echt nordischen Abendessen“ eingeladen wurde. Wow.

Berlin war für mich ohnehin schon große weite Welt, aber die WG war noch mal das Sahnehäubchen, allein der gesammelten Kuriositäten wegen, die da auf drei Zimmern Altbau verteilt waren. Tapeten wie bei Oma, ein Sofa mit Kuhüberzug, darüber röhrte ein stattlicher Hirsch aus seinem goldenen Rahmen. Als Küchentisch eine schwarz lackierte Schaufensterpuppe vom Allerwertesten an abwärts plus Tischplatte und Barhocker. An der Decke eine aus Alteisen selbst konstruierte Lampe (dem Ingenieur is nix zu schwör). Bücherstapel an jeder Ecke. Eine Vase mit künstlichen, leuchtenden Tulpen. Ein Moschee-Wecker, aus dem jeden Morgen der blecherne Ruf des Muezzin erklang, in einer Lautstärke, dass man selbst am anderen Ende der Wohnung sofort aus dem Bett fiel. Kurz gesagt: Es war herrlich.

Die Jungs hatten außerdem die Boxen der Musikanlage vom Wohnzimmer in die Küche und ins Bad verlegt, ordentlich auf aufgeschnittenen Filzbällen gelagert. Megacool, jeweils mit der aktuellen Lieblingsmusik zu duschen! Es war allerdings damit zu rechnen, dass währenddessen ein Mitbewohner nach Hause kam und mit gemeinem Grinsen im Gesicht die neueste Hardcore-Scheibe einwarf. Das ist ähnlich fies wie in der Küche das Wasser aufzudrehen, wenn man genau weiß, dass der Heißwasserboiler nicht beide Hähne gleichzeitig bedienen kann.

Zum Glück gab es in der Küche aber gar kein heißes Wasser. Den Abwasch sammelten wir wochenweise bis zu einer schier unmöglichen Höhe (Bauingenieure eben) und kurz vor Einsturz  gab’s ne Spülparty. Heißes Wasser aus dem Bad und dem Wasserkocher, dazu guter Whiskey, Musik, herrliches Blödsinngequatsche. Und Gäste – das Schauspiel hatte sich schnell rumgesprochen. Ich bin nach sechs Wochen nur sehr schweren Herzens wieder nach Heidelberg in meine Studentenbutze zurückgegangen und habe ernsthaft überlegt, nach Berlin zu ziehen.

2008. Gerade jetzt, in diesem Moment, schläft Petersen im Zimmer nebenan. Ich habe nach über elf Jahren endlich eine Chance bekommen, mich zu revanchieren, weil er in Stuttgart ein 5-tägiges Seminar besucht. Mit Lehmann haben wir natürlich schon telefoniert, quasi ein flotter Revival-Dreier. Und sonst so: Keine Box im Badezimmer, aber Heißwasserboiler mit begrenzten Fähigkeiten. Der Whiskey steht bereit, und um nichts in der Welt möchte ich diese Woche eine Spülmaschine geschenkt bekommen. 😀

Advertisements
Kommentare
  1. kommab sagt:

    that’s berlin!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s