Unter Menschen.

Veröffentlicht: 25. Februar 2009 in Job
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Heute war ich fürs Radio unterwegs, ein Porträt über Gustav Werner, der vor 200 Jahren geboren wurde. Er gilt als Vater der Diakonie, entsprechend besuchte ich eine Kartonagenfabrik der Bruderhausdiakonie und wollte dort eigentlich nur zwei behinderte Beschäftigte interviewen. Als ich ankam, blickten mir allerdings sechs Augenpaare so freudig erregt und erwartungsvoll entgegen, dass ich nicht anders konnte als mit jeden von ihnen ein Interview zu führen. Unter beruflichen Gesichtspunkten völlig unsinnig und ineffizient. Menschlich gesehen haben sich die sechs aber ein Loch in den Bauch gefreut, mitmachen zu dürfen – auch wenn drei von ihnen plötzlich total verschüchtert waren, als ich ihnen das Mikrofon unter die Nase gehalten habe. Christian zum Beispiel war kaum mehr als „Ja“ oder „Nein“ zu entlocken. Nichtsdestotrotz fragte er, ob er es mal hören dürfe. Also habe ich ihm das gesamte Interview vorgespielt, er saß andächtig daneben, lauschte fasziniert der eigenen Stimme und fragte anschließend ganz aufgeregt alle Kollegen in der Werkstatt, ob sie denn schon mal im Radio gewesen seien.

Fürs Radio habe ich relativ oft mit bekennenden, aktiven Christen und christlichen Einrichtungen zu tun – und es ist jedes Mal ein Ausflug in eine andere Welt. Eine, in der die Uhren langsamer ticken. Wo ein anderer Wind weht, beziehungsweise gar keiner, wo Menschlichkeit greifbar ist und so manch eigenes Luxusproblem in andere Relationen gerückt wird. Es ist herzerwärmend. Menschen mit Handicap können sich über tausend Kleinigkeiten freuen, sie sind erfrischend unbefangen, Coolness spielt auf sehr angenehme Art überhaupt keine Rolle. Außerdem ist der Umgang miteinander – und das gilt meiner Erfahrung nach für die meisten Menschen in christlichen Einrichtungen, behindert oder nicht – spürbar anders. Weicher, mit Muße und auf das Gegenüber bedacht statt auf die eigene Befindlichkeit. Es tut gut, das zu erleben, nicht zuletzt, weil es mich ein Stück weit erdet. Weil ich mich automatisch ebenfalls langsamer drehe.

Oft denke ich, es wäre doch eine tolle Sache, wenn wir alle ein bisschen mehr so wären. Nur, zurück in meiner irrsinnig schnellen, hypermodernen Business-Welt vergesse ich dann meist, endlich damit anzufangen.

EDIT: Gerade bekam ich von Google Alert berichtet, dass dieser Blogeintrag auf einer automatisch generierten Seite zum Thema „Untermenschen“ gelistet wurde, also in Bezug auf den rassistischen Terminus, den die Nazis im Zweiten Weltkrieg u. a. für Juden und behinderte Menschen genutzt haben. Daher möchte ich an dieser Stelle klar darauf hinweisen,  dass die gewählte Überschrift nicht im mindesten doppeldeutig gemeint ist, sondern – entsprechend der Aussage im Text – eindeutig und ausschließlich positiv. Und spätestens jetzt ist mir klar, wie schnell und unbeabsichtigt ein solcher Faux-pas entstehen kann.

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Kommentare
  1. TT sagt:

    Ja ja, so ist das mit Luxusproblemen : ) …

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