Die mediale Aversion gegen 140 Zeichen.

Veröffentlicht: 17. Mai 2009 in Aufgelesen, Das Leben im Allgemeinen
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Unter dem Titel „140 Zeichen heiße Luft“ steht auf den Medienseiten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung heute ein fast ganzseitiger Artikel über twitternde Politiker, an dessen Ende zumindest eines klar ist: Autor Harald Staun findet Twitter in diesem Zusammenhang überflüssig. Das ist natürlich grundsätzlich in Ordnung. Was mir dabei allerdings nicht zum ersten Mal auffällt, ist die mediale Tendenz, Twitter-Gehversuche mit professionellem Hintergrund – seien es Politiker, Unternehmen oder Organisationen – mit ausgesprochen überheblichem Unterton zu behandeln.

Spiegel Online beispielsweise hat im Netzwelt-Ticker der vergangenen Woche (dort runterscrollen oder hier in Zweitverwertung lesen) das Portal evangelisch.de erwähnt, das zum Evangelischen Kirchentag in Bremen die komplette Bibel in Zusammenfassungen zwitschern will und dafür seine Follower einspannt aktiviert. Mal abgesehen davon, dass die Aktion bei SpOn inhaltlich falsch dargestellt ist und logische Zusammenhänge zwischen einzelnen Sätzen fehlen: Autor Richard Meusers kann sich die Bemerkung nicht verkneifen, evangelisch.de könne so eventuell die bisherige Qualität verbessern und spielt damit auf diesen Tweet über ein „durchgemachte[s] WE mit Bibel, Red Bull, Chips, Cola“ an. (Man sollte dazu vielleicht wissen, dass die Mannschaft von evangelisch.de an dem Wochenende 2.600 Bibelstellen für die Aktion eingeteilt hat. Dafür hätte man allerdings einen Blick auf die vorangegangenen Tweets werfen müssen.)

Selbstverständlich kann man sich über solche Inhalte mokieren. Auch die Twitteraccounts der Politiker, die Harald Staun in der FASZ nach einer leicht sarkastischen Einführung kurzporträtiert hat, bieten jede Menge Angriffsfläche – wenn man sie unbedingt sucht. Das ist Twitter. Hier geht es weniger um wasserdichtes, vorgedrucktes und fünfmal geprüftes Blablubb, hier spielen vielmehr Persönlichkeit, Emotion und Erlebnis eine Rolle. Der Dienst entwickelt sich von einem ausschließlich privaten, ausgesprochen webzwonulligen Bereich sehr langsam aber stetig in Richtung Mainstream. Das ruft inzwischen nicht mehr nur Privatleute auf den Plan. Kommunikationsfachleute denken intensiv über PR-Konzepte nach, die zwar nicht auf Twitter basieren, aber es als Teil der Strategie nutzen. Und ebenso war es nur eine Frage der Zeit, bis Barack Obamas gehypte Twitterei inklusive gehacktem Account auch in deutschen Parteien ankommt (jawohl, gehypt – das ist so und muss sich erst noch auf einem realistischen Level einpendeln).

Wie sinnvoll und Erfolg versprechend das ist – unklar. Wie persönlich man als Person der Öffentlichkeit werden darf – dahingestellt. Ob sich die Zeit nicht anderweitig besser nutzen ließe – vermutlich. Aber eines ist gut und richtig, nämlich der Versuch oder besser: die Bereitschaft zur Interaktion mit der Zielgruppe in den neuen Medien. Zuhören. Bi- statt unidirektional auf einer ganz unkomplizierten Below-the-line-Plattform, und da darf es dann auch gerne eine Spur persönlicher zugehen. Aus Marketingsicht ist das eine Form von Vertrauensbildung und Kundenbindung – essenziell, weil sich Produkte auf dem Markt sehr schnell angleichen und zunehmend über den Preis definieren. Die Analogie im Wahlumfeld: Ich würde gerne in erster Linie Menschen wählen, und erst in zweiter Linie ein Parteiprogramm, das sich nur noch in Nuancen von anderen unterscheidet.

Diese ersten Schritte kann man durchaus beobachten, bewerten, kritisieren. Aber bitte ohne diesen Unterton, der weniger der Kompetenz zu entspringen scheint, sondern vielmehr einem Prinzip oder – noch schlimmer – einer Profilierungssucht. Denn gerade die Frankfurter Allgemeine und Spiegel Online haben den Kommunikations- und Netzwerkgedanken hinter Twitter ganz offensichtlich noch nicht verstanden: Beide Medien haben etliche Accounts erstellt, mit denen sie an ihre Follower wahlweise alle, themenbezogene oder Eil-Beiträge verbreiten. Gute Sache. Die Tatsache aber, dass die meisten dieser Accounts selbst keinem einzigen Twitterer folgen, spricht Bände. Als Vergleich dazu empfehle ich die Redaktion vom WAZ-Portal „DerWesten“, die sich über Twitter sympathisch mit ihren Lesern auseinandersetzt und damit nicht zuletzt neue Leser gewinnt.

In Zukunft wäre es schön, wenn man trotz aller noch mangelnden Evidenz zu diesem Thema – und das gilt nicht nur für Twitter, sondern ganz allgemein für das so genannte Web 2.0 – Beiträge lesen könnte, die etwas reflektierter und offener damit umgehen. Das Leben im Netz wird nämlich nicht weniger werden – im Gegenteil. Und diejenigen, die sich früh damit vertraut machen, sind später dann im Vorteil.

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Kommentare
  1. Sascha sagt:

    Ein blöder Artikel von dir! Du hast ja schon alles gesagt, was soll man denn jetzt noch hinzufügen? 🙂

    Der einzige Punkt, in dem ich es mir erlaube, leisen Widerspruch geltend zu machen ist jener, in welchem du beklagst, dass beispielsweise die FAZ oder auch SpiegelOnline nur ihre eigenen Accounts untereinander verknüpfen und ansonsten weitestgehend niemandem folgen. Das stimmt zwar, kann ihnen aber -aus meiner Sicht- nicht zwingend zum Vorwurf gemacht werden.

    Da jeder für sich selbst den Sinn von Twitter finden muss -zahlreiche Möglichkeiten zur unterschiedlichsten Nutzung, vom öffentlichen Messenger bis hin zur Katzenklappen-Überwachung, existieren ja- bedienen die oben genannten Twitter-Accounts eben diejenigen Twitternutzer, die Twitter nur als automatische News-Maschine oder RSS-Reader-Ersatz ansehen. Da ist dann ein gegenseitiges Folgen nicht notwendig, zumal eine Kontaktaufnahme über @Name ja auch dann möglich ist, wenn einem der Angesprochene nicht folgt.

    Allerdings bezweifle ich, dass man bei denen eine Antwort bekommt. Viel wahrscheinlicher ist, dass deren Accounts eh nur automatisch mit News-Tweets gefüttert werden.

    Nichtsdestotrotz -nebenbei: ich liebe dieses Wort^^- hast du meine volle Zustimmung, dass in vielen Medien im Bezug auf Twitter oftmals ein herablassender Unterton mitschwingt. Dies jedoch ist eigentlich immer gegenüber allem Neuen so, bis es von der breiten Masse akzeptiert und angenommen wurde. Bevor Mobiltelefone massentauglich wurden, wurden deren Nutzer auch bestenfalls belächelt oder als Wichtigtuer abgestempelt. Was man mit 164 Zeichen einer SMS sinnvoll anfangen konnte, war dann anfangs ebenso unklar. Nun geht es halt Twitter so. Es bleibt abzuwarten, ob es -wie von dir bereits angesprochen- nur ein Hype ist, der genauso schnell wieder in der schnelllebigen Internetversenkung verschwindet, wie er gekommen ist, oder ob sich der Dienst auf lange Sicht gesehen etablieren kann und wird. Bei entsprechender Verbreitung unter der Masse der Bevölkerung würden sodann auch die Kritiker verstummen; es lästert sich gemeinhin eben leichter über Randgruppen -zu denen Twitterer zweifellos noch immer zu zählen sind-, da hier die Masse auf Seiten des Kritikers steht, um ihm zu huldigen und zuzujubeln.

    Hm, nun habe ich ja doch noch ein paar Kleinigkeiten zum Text sagen können. Da war dein Artikel wohl doch nicht so blöd 😉

  2. miss k. sagt:

    Oh je, ich las die ersten fünf Worte und war schon echt getroffen… 😉
    Nichtsdestotrotz ist Dein Kommentar schlussendlich ebenfalls gar nicht so blöd. 😛

    Zum Thema „Twitter als RSS-Feed“: Jaaa, ich habe schließlich dahinter im Text „Gute Sache“ stehen – und das meine ich auch so. Ich folge den Accounts auch teilweise. Dennoch liegt die Stärke von Twitter m. E. in der Kommunikation. Politiker und Unternehmen wollen die Interaktion – und auf genau dieser Ebene wird in den Medien auch kritisiert. Dort ein Feed reinlaufen zu lassen, ist für ein Medienunternehmen zwar sinnvoll, man macht es sich damit aber auch vorerst sehr einfach.

    Deiner Meinung über „Neues“ stimme ich zu. Persönlich denke ich, Twitter wird sich weiterentwickeln und halten. Der „Hype“ bezog sich speziell auf die Chancen im Wahlkampf, siehe Obama oder auch Schäfer-Gümbel. Dahingehend kann ich den FASZ-Unterton fast schon verstehen, eine Wunderwaffe ist Twitter sicher nicht. Nervig finde ich allerdings tatsächlich diese pessimistische Grundhaltung, dass Neues von der großen Masse erst mal eine Runde in Grund und Boden geschrieben wird, bevor man sich mit den Chancen beschäftigt.

    Lieben Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! 🙂

  3. godwi sagt:

    Das Phänomen Twitter überfordert unsere Öffentlichkeit momentan. Wer es nicht ausprobiert hat und nur davon erfährt, dass Menschen in 140 Zeichen auf die Frage antworten, was sie gerade tun, meint, das kommentieren zu müssen und damit alles gesagt zu haben. Dass es einen umfassenderen und kreativeren Umgang mit dem Microblogging gibt, fällt dabei leicht unter den Tisch. Tatächlich gibt es jede Menge Stuss auf Twitter, aber auch gar nicht mal so wenige Beispiele für einen sinnvollen Umgang damit. Und letztere nehmen zu, finde ich.

    Dein Artikel ist sehr gut und sagt das Wesentliche. Darum kann ich jetzt getrost einen Punkt machen. Punkt. 🙂

    Godwi

  4. miss k. sagt:

    Dann unterstreiche ich das an dieser Stelle noch mal nachdrücklich, Godwi! 😉

    Im Ernst, Jungs, einige Eurer Gedanken gingen mir auch Kopf herum, aber irgendwo muss man die Schere ja ansetzen. Insofern danke für die Ergänzung! 🙂

  5. zero_-_-cool sagt:

    Naja, diese ganze neue Onlinewelt die man sich geschaffen hat, man nennt es auch gerne Web 2.0, ist noch relativ jung. Die sozialen Mechanismen die hinter Diensten wie Facebook, Twitter etc. stecken, sind noch unervorschtes Neuland. Genauso schaut es mit den Marketingmöglichkeiten aus. Man hat es sehr schön an SecondLife gesehen. Hier wurden von Firmen Unsummen investiert um sich online zu präsentieren. An sich keine schlechte Idee, aber wie gesagt, noch nicht wirklich ausgereift, da noch zu jung.

    Letztlich kann man aber sagen, dass zumindest Grundzüge der sozialen/wirtschaftlichen Regeln auch online gelten. D. h. wer sich um etwas kümmern will, muss zwangsläufig viel Zeit und Geld investieren. Dies wird aber dadurch unrentabel, da sich das Web ständig und rasant ändert. Nachhaltige Projekte findet man kaum, da sie dem ständigen Wechsel, der ständigen Anpassung und Neuausrichtung zum Opfer fallen. Demnach machen es die FAZ u. a. gar nicht mal so verkehrt. Zumindest aus rein wirtschaftlicher Sicht.^^
    Präsent sein, aber mit minimalem Aufwand. Fast so wie viele in der Arbeit 😉

  6. miss k. sagt:

    Ach, Second Life gibt’s noch? 😉
    Second Life ist aus meiner Sicht eine der markantesten Seifenblasen im Web, aber dafür hatte ich auch noch nie einen Sinn. Software installieren, instabile Anwendung – dann lieber regelmäßig den Fail Whale. 😉

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