Warten auf den Tod.

Veröffentlicht: 4. November 2009 in Family & Friends
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Und irgendwo in Stuttgart, in einem Krankenhaus, sitzt sie und wartet darauf, dass ihre Mutter stirbt. Die kleine Tochter im Arm, die gerade das Krabbeln und Brabbeln lernt. Die so gerne mit Omas Perücke spielt und die Einzige ist, die bei dem eingefallenen, zerfressenen Anblick nicht erschrickt. Weil sie Oma nicht anders kennt. Auch nie kennenlernen wird. Und wenn Oma  in den paar Momenten oberhalb der Morphium-Oberfläche auch nicht mehr viel will, außer dass diese Qual für alle Beteiligten endlich vorbeigeht, muss man ihr das zugestehen. Zustimmen, uneingeschränkt. Was allerdings nichts daran ändert, dass man dennoch dreimal am Tag losheulen könnte, weil’s einfach nicht wahr sein darf.

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Kommentare
  1. Sascha sagt:

    Vor ein paar Jahren musste ich das bei meiner Oma selbst miterleben. Sie war vor vielen Jahren schon einmal an Krebs erkrankt, hatte ihn damals aber erfolgreich besiegt… so dachte man jedenfalls.

    Sie kam dann viele Jahre später wegen einer anderen Sache ins Krankenhaus. Dort stellte man dann bei der Behandlung „Auffälligkeiten“ fest, ging aber von nichts schlimmen aus.

    Ich werde den Tag nie vergessen. Wir waren zu Besuch bei ihr im Krankenhaus gewesen und sie hatte Hunger auf ganz bestimmte Bonbons. Wir mussten meine Schwester von der Schule abholen, sind aber vorher noch schnell am Supermarkt vorbei und haben die Bonbons geholt. Sind dann wieder zurück zum Krankenhaus. Da wir es eilig hatten, schickte mich meine Mutter mit den Bonbons schnell allein zu meiner Oma.

    Ich kam gerade an, als der Doc ihr das „Ergebnis“ eröffnet hatte. Meine Oma erzählte mir alles, rang mir jedoch das Versprechen ab, dass ich meiner Mutter nichts davon erzählen sollte, damit diese meinen Opa nicht sofort kontaktiert, da meine Oma es ihm selbst „beibringen“ wollte.

    Es war eigentlich sofort klar, dass sie nicht die Kraft hatte, um noch einmal diesen Kampf kämpfen zu können oder kämpfen zu wollen. Wer zwischen den Zeilen lesen konnte, konnte das bei ihren Worten sofort heraushören… man wollte es nur nicht hören.

    So saß ich dann also mit meiner Mutter im Auto. Wir warteten an der Schule auf meine Schwester. Natürlich merkte meine Mutter, dass etwas nicht stimmte. So konnte ich mein Versprechen nicht halten und „durfte“ meiner Mutter die Nachricht überbringen… man kann sich nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn man der eigenen Mutter „beibringen“ muss, dass ihre Mutter sterbenskrank ist! Allein bei dem Gedanken daran habe ich schon wieder einen großen Kloß im Hals… obwohl das alles nun schon Jahre her ist.

    Ich habe dann meiner Mutter wenigstens erfolgreich ausreden können, meinem Opa Bescheid zu geben, damit meine Oma wenigstens ihren Willen bekam und es ihm selbst erklären konnte.

    Sie hat danach noch Behandlungen durchlaufen, aber ich glaube, dass war mehr für uns. Innerlich hatte sie schon mit dem Thema abgeschlossen… ein zweites mal, dafür fehlte einfach die Kraft.

    So fiel sie immer mehr in sich zusammen. Von der Frau, die man kannte, blieb nichts übrig. Sie magerte ab, verlor die Haare, zum Schluss konnte sie kaum noch sprechen.

    Wenn ich sie besucht habe, habe ich immer versucht, sie so „normal“ wie möglich zu behandeln, halt wie sonst auch. Klar fiel mir das nicht leicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man in so einer Situation nur betrauert und bemitleidet werden will.

    Als sie nicht mehr laufen konnte, wollte sie nicht in den Rollstuhl. Da hab ich mich demonstrativ in das Ding gesetzt und Albernheiten damit gemacht und erzählt, wie cool das doch ist. Einfach, um ihr zu zeigen, dass das nichts ist, wofür man sich schämen müsste.

    Ich weiß nicht, ob ich mich damals richtig verhalten habe. Aber immerhin hat sie sich in den Tagen darauf mit dem Rollstuhl „kutschieren“ lassen.

    Ich hoffe, dass ich ihr zumindest ein wenigFreude in den letzten Tagen vermitteln konnte, soweit das in der Situation noch möglich ist. Ob es mir gelungen ist, werde ich nie erfahren. In ihrem Gesicht konnte man zum Schluss nichts mehr ablesen, es war total in sich zusammengefallen. die großen Morphium-Dosen trugen ihren Teil dazu bei, aber ohne ging es einfach nicht mehr.

    Und man sitzt nur hilflos daneben und kann absolut gar nichts mehr tun, sieht das Ende unweigerlich näher kommen, weiß, worauf es hinauslaufen wird. Ich bilde mir ein, ein recht guter Schreiber zu sein, aber das, was da in mir vorging, was ich da gefühlt habe… das kann ich einfach nicht in Worte fassen – mir fallen einfach keine passenden dafür ein.

    Vielleicht, weil es keine gibt…

    Der Kommentar ist nun ein wenig länger geworden. Und eigentlich handelt er nur von mir, nicht von dir oder deinem Artikel. Sehr egoistisch. Entschuldige. Aber es überkam mich beim Lesen einfach und ein Satz ergab den nächsten.

  2. miss k. sagt:

    Lieber Sascha, ich bin sehr froh, dass Du diesen Kommentar geschrieben hast, vielen Dank! Auch wenn ich Dir den Kloß im Hals direkt nachgemacht habe… Weißt Du, Deine Worte sind eine Bereicherung des Artikels (und genau dafür sind Kommentare da), weil Du mir damit einen Einblick in das Gefühlsleben eines Betroffenen schenkst. Ich habe letztens mit meiner Freundin telefoniert, und hinterher wurde mir erst so richtig bewusst, dass ich sie in den letzten Monaten zwar einiges über ihre Mom gefragt habe, aber es nicht geschafft habe, nach ihren eigenen Gefühlen zu fragen. Um sie nicht zu belästigen, nicht zu belasten, nicht zum Weinen zu bringen, um sie nicht aufzuhalten, wenn sie direkt wieder ins Krankenhaus wollte. Vielleicht ist aber gerade das das schlimmste Versäumnis und es tut ihr gut, darüber zu sprechen, so wie Dir gerade eben – selbst wenn es bei Dir ein paar Jahre her ist. Ich werde sie anrufen und fragen, darin hast Du mich bestärkt.

    Und à propos bestärkt: Du bist ganz offensichtlich ein sehr starker Mensch. Bewundernswert. 🙂

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