Hausmusik.

Veröffentlicht: 25. Juni 2010 in Das Leben im Allgemeinen
Schlagwörter:, ,

by Jsome1

Als ich die Hoffnung auf ein Zimmer in Tübingen schon aufgegeben und mich auf die ewige Pendelei eingestellt hatte, geschah sowas wie ein kleines Wunder: Abends klingelte das Telefon, es meldete sich ein Giovanni mit einem weichen italienischen Akzent und bot mir ein Zimmer in einer 3er-WG an. Er sei Doktor der Philosophie, sein Mitbewohner Theologe und der dritte im Bund sei kurzfristig nach Qatar gereist, so für die nächsten beiden Jahre.

Am nächsten Abend öffnete Giovanni mir die Tür. Er ging mir bis zur Brust und trug ein lilafarbenes Spängchen im Haar, aber er kochte den besten Espresso, den ich je getrunken hatte. Ab Juli hatten sie bereits einen dauerhaften Mitbewohner gefunden, aber die paar Tage des Juni könne ich bleiben. Die Wohnung war, nun ja, nicht sehr sauber und im Bad tummelten sich zwei Spinnen an der Wand. Aber der Espresso war wirklich gut, Giovanni wirklich nett, des gerade abwesenden Theologen Zimmer wirklich blitzordentlich und die Miete quasi nichts. Ich sagte zu und zog einen Tag später ein.

Das war gestern. Spätabends stand ich dann im Bad, vorsorglich mit Hausschuhen bewehrt, dabei hätte ich mir angesichts der Waschbecken Gummihandschuhe gewünscht. Und ein paar Liter Sagrotan. Immerhin, aus der Leitung kam klares Wasser. Ich nahm mir fest vor, ein paar Ekel-Fotos zu machen. Aber als hätte der (inzwischen aufgetauchte und ebenfalls sympathische) Theologe meine Gedanken gehört, hinterließ er heute Morgen zwei strahlend saubere Waschbecken im Bad. Good morning.

Und vorhin, letzte Abendsonne, sah ich ihn mit seiner Gitarre auf dem Balkon. Summend, völlig versunken in Alanis Morrissette. Ich stellte mich daneben. Hörte ein paar Momente lang unbemerkt zu. Fing an zu singen. Und bekam Herzklopfen, wegen des schönen Moments.

You live, you learn.

Advertisements
Kommentare
  1. zero_-_-cool sagt:

    Wow, die Szene lief gerade vor meinem geistigen Auge wie ein Film ab. Entweder liegts an der schönen Schreibe, dem wunderbaren Augenblick oder an beidem 🙂

  2. miss k. sagt:

    Zero, Du mal wieder hier! 🙂
    Es war in der Tat ein sehr schöner Moment, dort auf dem Balkon in der Abendsonne. Hat mich spontan ausgesöhnt mit der generellen Schmuddeligkeit. 😉

  3. Wassily sagt:

    Hach, jaaa… Tübingen.
    Schöne Geschichte, wunderbar geschrieben. Erinnert an die eigene Studienzeit am Neckar, auch wenn die schon einige Tage her ist.

  4. miss k. sagt:

    Lieber Wassily, Tübingen ist ja ein sowas von zuckerschnuckeliges Städtchen, dass man’s kaum glauben möchte. Vorgestern abend habe ich mich von einer Tübingerin herumführen lassen und geriet voll ins Schwärmen. Dafür, dass ich die Kamera vergessen hatte, könnte ich mich sonstwohin beißen – es war das perfekte Licht. Aber mit etwas Glück kommt es wieder und dann bringe Dich Deiner Studienzeit noch ein Stückchen näher… 😉

  5. miss k. sagt:

    Ja, diese Kneipe wurde mir bereits vorgestellt. Und natürlich wurde ich auch sofort belehrt, das hieße nicht [‚bulɒʃe:], sondern spreche sich genauso aus, wie’s da stünde. Also, abgesehen vom „ou“, is klar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s