S21.

Veröffentlicht: 1. Oktober 2010 in Das Leben im Allgemeinen
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Am Nord- und Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs hängt mein Herz nicht. Eher an der Bahnhofshalle, auch wenn die Läden dort mittlerweile einen ramschigen Eindruck hinterlassen. Ein bisschen auch am Turm, der für mich weithin sichtbares und in der Weihnachtszeit herrlich glitzriges Wahrzeichen ist. Mehr Grün- und Wohnfläche statt öder Gleisfelder in Stuttgart? Okay, solange auf den freien Flächen nicht in erster Linie Luxusbehausungen gebaut werden (okay, das wird sich schwer vermeiden lassen). Die Kosten: heftig und ziemlich sicher schöngerechnet von den Projektbefürwortern. Vielleicht auch hässlichgerechnet von den Projektgegnern. Wo hier die Wahrheit liegt und wie sie in Relation zum späteren Nutzen steht, wage ich nicht abschließend zu beurteilen.

Was mich allerdings immens stört, seit die große Protestwelle durchs Ländle schwappt, ist die Arroganz und Ignoranz unserer Landesregierung, die ja wohl offensichtlich den Knall nicht gehört hat. Politische Legitimation für Stuttgart21 hin oder her: Die öffentliche Meinung ist doch nicht erst seit der repräsentativen Umfrage des SWR und der Stuttgarter Zeitung klar, derzufolge 54 Prozent gegen das Projekt sind (und nur 35 Prozent dafür). Hallo, Volksvertreter? Habt Ihr Euch mal den Bauzaun genau angeschaut? Oder eine der Demos, bei der die Menschen selbst im strömenden Regen ausharren? Darunter auch die ältere Halbhöhen-Lady, im schwarzen Bleistift-Kostüm, schwarzen Pumps und Handschuhen und am Revers einen grünen „Oben bleiben“-Button? Habt Ihr Euch die Mühe mal gemacht statt Euch permanent um Amt und Ansehen zu sorgen (die nächsten März sowieso Geschichte sind)?

Und dann der Tag gestern. Pfefferspray. Wasserwerfer. Faustschläge. Teenager. Provokationen beiderseits. Unkontrollierte Gefühle, Hass, Tränen. Panik. Abends herrschte im Schlossgarten verzweifelt wütende Stimmung. Dem gegenüber eine lange Reihe behelmter Polizisten, die sich immer wieder mit „Kinderschläger“-Sprechchören beschimpfen lassen mussten. Ich frage mich, wie viele davon sich gewünscht hätten, auf der anderen Seite der Absperrung zu stehen.Was für ein Wahnsinn.

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Kommentare
  1. wassily sagt:

    Dann sehen wir uns Montag 18 Uhr ????

  2. miss k. sagt:

    Wenn es die Seminarzeiten zulassen – jo. Bekomm‘ ich dann auch zehn dienstliche Minuten?

  3. wassily sagt:

    Demo ist Demo ! – Und Dienst ist Dienst !

  4. miss k. sagt:

    Sei nicht anstrengend, bitte. (Ich nehme das als ein Ja.)

  5. zero_-_-cool sagt:

    Was mich wundert ist, warum die Leute wegen einem „Bahnhof“ auf die Straße gehen, und sich aber wehrlos die Gesundheitsreform bieten lassen.
    Warum kratzt es sie nicht, wenn der Staat ihnen langsam aber sicher – inzwischen sogar immer schneller – die sozialen Grundrechte abschürft?
    Ich verstehe das alles nicht.

    Kann mir mal einer erklären, was an Stuttgart 21 den so wichtig ist, dass die Leute dafür auf die Straße gehen. Dann könnte man das vielleicht auch mal gegen unsere hohe Politik verwenden.^^

    Bitte, versteht mich nicht falsch, ich hab von dem Ganzen nur noch nichts wirklich mitgekriegt. 🙂

  6. miss k. sagt:

    Wassily, hab Dank für die Links. Ich hatte gehofft, dass Du Dich einschaltest. 😉
    Denn, lieber Zero, ich habe diese für Stuttgart eher untypische Entwicklung auch noch nicht ganz durchstiegen und mich erst relativ spät damit befasst. Dieser überwältigende Protest ist über Jahre hinweg angewachsen und richtet sich – siehe auch die beiden Artikel – weniger gegen das Projekt selbst als gegen das Benehmen der verantwortlichen Politiker. Und nicht zuletzt in diesem Sinne haben sie am vergangenen Donnerstag einen (weiteren) kapitalen Fehler begangen, an dem sie noch bitterlich zu beißen haben werden.

  7. zero_-_-cool sagt:

    Vielen Dank euch beiden, für die aufschlussreichen Infos.
    Jetzt ist es tatsächlich nachvollziehbar und vertständlich. Wahnsinn, was sich hier die Politik herausgenommen hat. Aber es dürfte auch klar sein, dass Stutgart 21 nicht das einzige Projekt ist das so abgewickelt wird. Naja.^^

    Krass sind z. B. solche Aussagen: „Proteste dürften demokratische Beschlüsse nicht ersetzen. “
    Zuerst wird über die Köpfe des Volkes hinweg entschieden, und wenn sich das Volk zur Wehr setzt, ist dieses kontrademokratisch oder wie? Lachhaft!

    So, jetzt hätte ich gute Lust, sympathisierend mit den BWlern, mit zu demonstrieren. Allein schon um ein Signal an das ganze System zu schicken.

    In diesem Sinne: „WIR SIND DAS VOLK!“
    🙂

    • wassily sagt:

      Es reicht vollkommen, wenn Du Punkt 19 Uhr mit einer Trillerpfeife, wahlweise mit Topfdeckeln, einem Triangel oder einer Posaune auf deinem Balkon Krach machst.
      Der „Schwabenstreich“ verbindet die S 21 Gegner republikweit – und wir lassen bei der Gelegenheit auch ganz gerne „Nai`gschmeckte“ zu.

  8. miss k. sagt:

    Dann mach, Zero! 😀
    Du bist hier jederzeit willkommen.

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