Mit ‘Stiftskirche’ getaggte Beiträge

Kürzlich, während im ersten Stock des Landtags eine Bühne aufgebaut wurde, kam ein Mann die Treppe herauf, sah sich um und fragte, was denn hier los sei. Stuttgartnacht, lautete die Antwort. Darauf er: „Stuttgartnacht? Dann lieber nix zu Weihnachten.“ Ich konnte knapp an mich halten, ihm nicht „Ignoranter Sack!“ hinterherzurufen. Denn die stuttgartnacht, die gestern zum zehnten Mal gefeiert wurde, gehört zu den tollsten kulturellen Events, die Stuttgart zu bieten hat – abgesehen davon, dass eine Nacht für rund 70 mal Kultur einfach zu kurz ist.

Wir starteten gestern in der Villa Reitzenstein. Gobelins, Kristalllüster, Perlmutt-Intarsien – eine durchaus lässige Kulisse für Politik im Ländle. Den vorlesenden Ministerpräsidenten aka Märchenkretsch haben wir leider verpasst. Dafür war uns Integrationsministerin Öney eine kompetente Begleiterin („Frau Öney, wofür ist die Uhr?“ – „Damit wir immer wissen, wie spät es ist.“) und erzählte, dass sie ihrem Banknachbarn Gall in der Kabinettsitzung gerne Zettelchen schreibt. Kleiner Dienstweg und so.

Wunderbarer Zwischenstopp im Marmorsaal: Liebesstreichereien mit Klarinette von Mozart und Beethoven, stimmungsvolles Dunkel und zwischen Kerzen in der Konzertmuschel die Stuttgarter Saloniker.

Im Landtag ließ es sich bei einem Glas Rotwein und Musik der Jazzsängerin Anne Czichkowsky erstklassig netzwerken. Im Plenarsaal lief eine Filmvorführung von „SOKO Stuttgart“. Die Stiftskirche kündigte „Klassic meets Jazz“ an. Schön, mag ich. Leider handelte sich sich um eine sehr puristische Interpretation des Themas: Ein klassisches Stück, ein jazziges Stück, ein klassisches Stück, ein jazziges Stück… Abwechslung garantiert. Wir gingen wieder, und zwar zu dem Bau, den wir als Highlight ans Ende der Tour gesetzt hatten: die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Im Vorfeld als Bücherknast verspottet – ich finde sie klasse und habe mich darauf gefreut, sie von innen sehen. War aber nicht: Die dortigen Verantwortlichen hatten entschieden, dass ab Mitternacht – trotz angekündigter Besichtigung bis 2 Uhr – niemand mehr nach oben durfte, sondern nur noch das Erdgeschoss bei extrem lauter Dancemusik begehbar blieb. Ich habe kein einziges Buch gesehen. #fail

Das eindeutige Highlight des Abends: die Füenf. A-Capella-Quintett, teils große Stimmen, viel komisches Talent und sehr witzige Texte – zum Beispiel, wenn sie das Wort „Love“ in den Hits der letzten 20 Jahre durch „Horst“ ersetzen. Oder bei der liebevollen Schwabenhymne. Bei der Roger-Whittaker-Persiflage. Beim Ernährungsmedley – ach, wisst Ihr was? Hört’s Euch einfach selber an:

Süßer die Glocken.

Veröffentlicht: 1. März 2009 in Family & Friends
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Ich hab den Kerl seltenst nervös erlebt, aber mit der Nummer kriege ich ihn. Wir stehen vor der Stiftskirche. Er tritt von einem Bein aufs andere und fällt dem grinsenden Glockenbeauftragten zur Begrüßung fast um den Hals. Endlich geht es die engen Stiegen in den Südturm hinauf, den sonst kein Besucher von innen zu sehen bekommt. Gleich erfüllt sich hier ein Kindheitstraum.

Der kleine Abstellraum auf halber Höhe wäre denkbar unspektakulär, wenn nicht in der Ecke ein Seil vielversprechend durch die Holzdecke hinge. Eine Etage höher baumelt die zwei Tonnen schwere Torglocke, die einzige im ganzen Geläut, die sich nicht elektrisch läuten lässt. Bis zum minutiös geplanten Start haben wir noch ein bisschen Zeit für einen kleinen Lehrgang: Ordentlich reinhängen und mit aller Kraft das Seil von weit oben bis zum Boden ziehen. Dann schnell lockerlassen, damit man nicht mit nach oben fliegt.

Also los. Nach dreimal Ziehen kommt der erste dicke Rumms, die ersten Schweißtropfen folgen nur Sekunden später. Der Kerl gibt alles, auf und nieder, immer wieder, während ich fröhlich im Glockenturm herumturne, die Glocke aus nächster Nähe bewundere und mich dazwischen am Anblick schwerer körperlicher Arbeit ergötze. Ich glaube, so geschwitzt hat er noch nicht mal bei einem meiner sechs Umzüge oder beim Halbmarathon in Heidelberg. Acht Minuten hält er mannhaft durch, angefeuert durch den Glockenbeauftragten. Dann bremsen die beiden mit vereinten (und letzten) Kräften und der Kerl sinkt mit weichen Knien auf einen Stapel aufgerollter Kabel. Strahlen übers ganze Gesicht geht aber noch. Großartig.

Torglocke

Der Glöckner von Stuttgart.

Veröffentlicht: 28. Februar 2009 in Family & Friends
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Ich wusste, er würde völlig von den Socken sein. Der Ex-Kerl träumt nämlich seit Kindheitstagen davon, einmal die Kirchenglocken per Seil läuten zu dürfen. Schon allein deswegen nicht ganz einfach, weil die meisten Glocken heutzutage elektrisch geläutet werden – mit Ausnahme der über 700 Jahre alten Torglocke in der Stuttgarter Stiftskirche. Dort hängt nämlich noch traditionell ein Seil herunter, und wer sich da ordentlich reinhängt, kann am nächsten Tag mit ebenso ordentlich Muskelkater rechnen. Dreimal im Jahr erklingt das gute Stück, salbungs- und kraftvoll geläutet vom offiziellen Glockenbeauftragten in Württemberg.

Diesen Sonntag allerdings, diesen Sonntag darf der Ex-Kerl ran! Ein Zugeständnis, das ich dem Glockenbeauftragten aus dem Kreuz geleiert habe, und eigentlich sollte es eine Geburtstagsüberraschung werden.Vor lauter Begeisterung habe ich ihm allerdings versehentlich so viele Tipps gegeben, dass er von alleine draufkam. Einerseits schade. Andererseits freut er sich jetzt schon seit Tagen wie Bolle und kann es kaum erwarten, endlich Hand anzulegen. Der Glöckner von Stuttgart – ich bin sehr gespannt!